Angst und Unlust überwinden, Herausforderungen im Alltag meistern

Dies ist ein Gastbeitrag der lieben Nancy von Bilingual in Japan. Auf ihrem Blog schreibt sie darüber wie sie ihre Kinder zweisprachig aufwachsen lässt, welche Methoden sie anwendet und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hat. Natürlich auf Deutsch und Japanisch 😉 Schaut doch gerne mal rein!

Wer kennt es nicht: Das Kind will einfach nicht im eigenen Bett schlafen, sträubt sich gegen das Zähneputzen, Umziehen, Duschen. Weint, wenn es am Morgen in den Kindergarten gehen soll. Und während man auf der einen Seite versteht, dass das alles eben keine spaßigen Angelegenheiten sind, dass das für kleine Kinder noch viel schwieriger und stressiger ist als für Heranwachsende oder Erwachsene, ist andererseits auch klar, dass man um solche Dinge einfach nicht herum kommt.

Und genauso klar ist, dass vieles davon gar nicht so problematisch wäre, wenn das Kind nicht so ein Drama draus machen würde (Zähneputzen wäre z.B. in 3-5 Minuten geschafft, wenn nicht vorher und nebenher 10 min genölt, gebockt und herumgeträumt würden).

Ich habe für meinen 4-Jährigen jetzt eine Methode entdeckt, die es uns allen erleichtert, positiv auf diese Herausforderungen des Alltags zu blicken und sie zur Gewohnheit werden zu lassen: Challenges!

Sticker-Challenge mit den in Japan beliebten Kindergarten-Charakteren von "Shimajiro"
Challenge aus einer japanischen Kinderzeitschrift mit dem Kindergarten-Charakter „Shimajirô“ und seinen Freunden

In japanischen Zeitschriften für Kinder gibt es ganz oft Stickerseiten für kleine und größere Herausforderungen: jeden Morgen gesund frühstücken, nach dem Essen Zähne putzen, bei Rot an der Ampel stehenbleiben. Hier oben ist mal ein Beispiel. Unten am Start steht der Kindergartenjunge Shimajiro und ruft: „Das schaffen wir!“ Zwischendrin feuern seine Freunde das Kind an, oben auf dem Berg ist das Ziel. Jeden Tag, an dem man sein Vorhaben geschafft hat, kann man einen Sticker aufkleben. Bei dieser Challenge ist kein bestimmter Inhalt für die Herausforderung vorgegeben, deshalb hat mein Sohn sich gewünscht, dass es darum geht, dass er an der Straße immer anhält und nach links und rechts guckt.

Ich muss gestehen, dass wir diese Challenge schon vor über einer Woche angefangen haben, aber sie im Trubel der abendlichen Aufgaben immer wieder vergessen zu aktualisieren. Zum Glück tut das der Motivation meines Sohnes keinen Abbruch. Er sagt trotzdem oft: „Ich hab ordentlich geguckt!“, wenn wir über die Straße müssen, und freut sich, wenn ich ihm beipflichte, dass er wieder einen Aufkleber auf seine Challenge kleben kann, wenn er will. Mittlerweile sind diese Herausforderungen bei uns also eine Art Selbstläufer geworden. Die externe Belohnung durch Sticker ist ihm gar nicht mehr so wichtig. Anfangs lief das noch sehr viel engmaschiger und gesteuerter. Ich stelle mal unsere ersten drei Challenges vor und wie mein Sohn im Verlauf dieser drei kurzen Versuche immer selbstständiger geworden ist.

Challenge 1: „Ich gehe eine Woche ohne Protest und Weinen in den Kindergarten.“

Die erste Challenge

Der morgentliche Gang in den Kindergarten war für unseren Großen lange ein Problem. Er hatte sich so in negative Gefühle reingesteigert, dass es jeden Morgen ein Drama war. Sobald er im Kindergarten war, war die ganze Sorge vergessen und er hatte Spaß. Auch abends beim Abholen war er immer gut drauf. Nur das Fertigmachen am Morgen war jeden Tag problematisch.

So habe ich eines Tages ganz salopp ein Schmierblatt mit leerer Rückseite genommen, bunte Stifte rausgekramt und diese Challenge gemalt. Zum Glück hatte ich sogar einen niedlichen Stempel zu Hause rumliegen, den ich mir vor Jahren mal gekauft hatte. Der Deal mit meinem Sohn war: Wenn er am Morgen sowohl zu Hause als auch auf dem Weg in den Kindergarten nicht geweint und gemosert hat, durfte er am Abend einen Stempel setzen. Der Papa, der unsere zwei Kinder morgens meist wegbringt, hat nach dem Abgeben immer Bericht erstattet. Bei fünf Tagen in Folge war die Woche voll und er hatte gewonnen.

Für das tägliche Stempeln war mein Sohn sofort zu begeistern und das hat ihn sehr motiviert. Wenn es mal einen Tag mit dem positiven Start in den Kindergarten nicht geklappt hat (man sieht es oben an den beiden Kreuzen am Mittwoch und Donnerstag der ersten Woche), begann die Challenge wieder von Neuem. Damit hatte mein Sohn so viele Versuche, wie er wollte oder brauchte, um das 5-Tage-Ziel zu erreichen. Aber Abkürzungen und „Augen zu drücken“ gab es nicht. Und schon beim zweiten Anlauf hatte er es dann auch geschafft! Das Erstaunlichste daran aber war: Seit dieser Challenge ist das Problem aus der Welt! Über Monate hatte das uns und auch den Erziehern Kopfzerbrechen bereitet, und nach anderthalb Wochen Challenge war auf einmal das ganze Problem aus der Welt geschafft.

Challenge 2: „Ich putze eine Woche 3 Minuten fleißig die Zähne.“

Die 2. und 3. Challenge

Nachdem die erste Challenge erfolgreich beendet war, habe ich die zweite Challenge ausgewählt. Mein Sohn hat diesmal aber gleich von Beginn an Wünsche zum Layout geäußert: Diesmal wollte er keine Vierecke, sondern Kreise. Und er wollte nicht Stempeln, sondern seine Shimajiro-Sticker (von irgendeiner anderen Challenge aus einem der Hefte) aufkleben. Zwischendrin wollte er dann ausmalen, ab dem Mittwoch der zweiten Woche hat er mich dann gebeten auszumalen. Na von mir aus. Es ist schließlich seine Belohnung und keine Zeichen-Challenge, sondern eine Zahnputz-Challenge.

Die letzten beiden Tage hatte er übrigens auch noch geschafft und sich für die verbliebenen Kreise rote Kreuze gewünscht. Es gibt nach wie vor Tage, an denen er nicht so recht Lust aufs Zähneputzen hat, aber im Großen und Ganzen macht er sich gut und gibt sich viel Mühe. Was neben der Challenge aber auch dazu beigetragen hat – und eigentlich den mit Abstand größten Beitrag zur Zahnputz-Routine geleistet hat – ist die kostenlose App „Pokémon Smile„.

Challenge 3: „Ich schlafe eine Woche die ganze Nacht in meinem Hochbett“

Unser Junge hat sehr lange mit im Schlafzimmer geschlafen. In Japan ist das ganz normal. Und mein Mann und ich hatten auch lange nicht den Nerv, das (relativ kleine) Kinderzimmer mal richtig auszumessen und zu überlegen, wo welche Art von Bett reinpasst. Nun hatte er aber endlich eins! Und war stolz wie Oskar. Hat auch fleißig beim Aufbauen geholfen und in der ersten Nacht ganz toll darin geschlafen. Am zweiten Abend passierte dann aber das, was zu erwarten war: Sohnemann wollte lieber wieder bei den Eltern schlafen.

Nach einiger Zeit hatte ich meinen Sprössling daher gefragt, ob er eine Schlaf-Challenge machen möchte und er fand die Idee toll. Wie man am Design sehen kann, wurden die Felder wieder entsprechend der Wünsche meines Sohnes gestaltet (diesmal also Sterne mit dem 4-Farben-Buntstift) und auch der Zeitraum war länger (O-Ton Sohn: „Hundert Tage!“ Mutter: „Wollen wir vielleicht erst mal mit sieben anfangen? Du kannst ja danach noch weitermachen, wenn du Lust hast.“).

Und das Ergebnis: Auch diesmal hat die Challenge bewirkt, dass mein Sohn sich an sein eigenes Bett gewöhnt hat und danach kaum noch, inzwischen gar nicht mehr gesagt hat, dass er nicht in seinem Bett schlafen will.

Das Ergebnis der 3. Challenge

Die dritte war die letzte Challenge, die wir zeitlich so begrenzt und in ganz enger Betreuung durchgeführt haben. Die aktuelle Challenge mit dem Stehenbleiben an der Straße läuft eher locker nebenher. Manchmal bringt mein Sohn nun selbst Ideen an, was für eine Challenge er gern einmal machen würde.

Heute Morgen zum Beispiel kam von ihm die Idee für eine „Rucksack-Challenge“: Er packt eine Woche lang abends allein seine Sachen vom Kindergarten aus dem Rucksack aus und packt neue Sachen für den kommenden Tag ein. Wenn er die Idee die nächsten Tage immer noch gut findet, wird das wohl unsere vierte Challenge. Auf jeden Fall haben mir die ersten drei Challenges gezeigt, dass dieses Prinzip unserem Jungen nicht nur sehr hilft, sich Gewohnheiten anzueignen, sondern ihn auch darin fördert, sich selbst Ziele zu setzen und deren Umsetzung zu planen und zu überwachen. Und das ist ja etwas, was im Grunde für jedes Alter wichtig ist.

Schulkinder, die sich beim Lernen ihrer Englischvokabeln schwertun, könnten davon genauso profitieren („Ich lerne einen Monat lang jeden Montag, Donnerstag und Sonntag zwanzig Vokabeln.“) wie Studenten, die es einfach nicht schaffen, mit der Recherche oder dem Schreiben ihrer Hausarbeit anzufangen („Montag, Mittwoch, Freitag, 10-13 Uhr: Recherche in der Bibliothek oder online.“ „1.8.: Inhaltsverzeichnis schreiben. 2.-5.8.: Kapitel 1 schreiben. …“)

Ich persönlich nutze dieses Prinzip vom Abhaken oder Durchstreichen konkreter, kleiner Arbeitspläne bis heute oft, wenn gerade viel zu tun ist, die Arbeit unübersichtlich ist und ich sonst nicht weiß, wo ich anfangen soll. Und um noch mal den Bogen zu Japan zu spannen: Ich finde es toll, dass dieses Prinzip hier schon bei den Kleinsten so vielseitig angewandt wird – es ist unglaublich erfolgreich.

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