Jedes Kind kann schlafen lernen

In meiner Mutter-Instagram-Bubble war vor #blacklivesmatter (ich stimme zu) ein anderes Thema Topic und das möchte ich doch kurz mal aufgreifen.
Der passende Hashtag dazu ist #stopschlaftraining

Ich habe mich hier schon mehrfach zu Bedürfnisorientiert bekannt, was bei mir ganz natürlich, ohne Literatur, Instagram, sonstwas kam.

Was ist Bedürfnisorientiert?

Bedürfnisorientiert bedeutet zuallererst ein Baby als Baby zu akzeptieren, das nicht bewusst „denkt“, sondern nur seine Bedürfnisse äußert.
Ein Baby denkt nicht: „ich schreie jetzt den ganzen Tag um meine Eltern zu ärgern.“ Es denkt auch nicht: „mist, mein Schreien funktioniert nicht, na dann spiele ich jetzt halt mit meinen Zehen..“
Das Baby schreit vor allem um seine Grundbedürfnisse zu sichern: Futter und Sicherheit. Futter gibt Mama, Sicherheit auch.
In unserer heutigen Welt können beide Punkte selbstverständlich auch vom Vater gesichert werden.
Ist das Baby satt, wach, und fühlt sich sicher bei seinen Eltern, schreit es normalerweise nicht.
Natürlich gibt es hier Ausnahmen. Es gibt die Definition des “Schreibabys” und manche Babys bewegen sich auch im Raum kurz davor. Hier kann es zum Beispiel durch Schmerzen (Blähungen, Blockaden etc.) dazu kommen, dass das Baby gefühlt durchgängig schreit.

Akzeptiert man also sein Baby als hilfloses Wesen, das die Welt noch nicht versteht und das in allen Lebenslagen auf seine Eltern angewiesen ist, so akzeptiert man auch einfacher, dass man als Eltern die Aufgabe angenommen hat die Bedürfnisse seines Babys zu stillen, so gut es eben geht.

Das klassische Schlaftraining

Was hat Schlaftrainung nun aber damit zu tun?
Nun.. in den letzten Jahrzehnten wurde uns einiges eingeredet, das den Bedürfnissen kleiner Babys nicht unbedingt entgegenkommt. Das Baby wird nicht als Baby behandelt, sondern als Kind, das schon viel mehr versteht und verarbeiten kann.
Dazu zählt die Vorstellung, dass das Baby von Beginn an in seinem eigenen Zimmer zu schlafen hat und bitte ab Monat xy durchschlafen muss. Das gehört so. Wenn das Baby nicht diesem Standard entspricht, hat man als Eltern irgendwas falsch gemacht.
Nach dem Konsens heutiger Wissenschaft ist das ausgemachter Blödsinn.
Es gibt keine Zeitpunkte in der Kindesentwicklung, nur Zeitspannen.

Und die Zeitspanne des Kindesschlafs ist wohl die Längste, sie kann nämlich Pi mal Daumen von Geburt bis Teenageralter reichen 😉

Uns wird jetzt aber vorgegaukelt, dass das Kind alleine schlafen lernen MUSS! Und wenn es das nicht tut, dann MUSS man es halt dazu bringen. Oft durch die Hauruck-Methode des Schreienlassens.
Dabei sein ok, auf den Arm nehmen und trösten nein, und dann aus dem Zimmer gehen und das Kind alleine im Dunkeln lassen.

Kindesentwicklung Objektpermanenz

Ein kleiner Ausflug in die Kindesentwicklung:
Ein Baby weiß erst ab einem Alter von etwa 8 Monaten bis 12 Monaten (teilweise auch etwas früher) dass eine Person/ Gegenstand nicht „weg“ ist wenn er aus seinem Gesichtsfeld verschwindet. Es weiß nicht, dass die Bezugsperson im Zimmer nebenan ist und jederzeit wiederkommen kann. Für das Baby ist sie weg. Punkt.
(Nachzulesen unter Objektpermanenz)

Lässt man nun sein Baby allein im dunklen Zimmer schreien, dann steht es Ängste aus. Die Bezugsperson ist weg, niemand da der ihm hilft, ganz alleine, es sieht nichts, es fühlt sich unwohl, es kann sich selbst nicht helfen.
Es schreit, niemand reagiert.

Was lernt das Baby beim Schlafttraining?

Wenn das Baby dann aufhört zu schreien, hat das zwei mögliche Gründe: a) es hat sich total verausgabt und ist vor Erschöpfung eingeschlafen, oder b) es hat realisiert dass niemand kommt und ist in einen Schutzmechanismus verfallen, die Starre.
In unseren Babys ist der Urinstinkt, der sie vor wilden Tieren schützen soll, noch stark.

Mit schlafen lernen hat das, was im Titel eines bekannten Buches gepredigt wird, nichts zu tun.
Das einzige, was das Kind möglicherweise lernt ist, dass seine Eltern ihm nicht helfen wenn es Hilfe benötigt und das schädigt das Urvertrauen und hat möglicherweise sogar negative Auswirkungen auf sein späteres Leben wenn es nicht wieder lernt zu vertrauen.

Und nun?

Meiner Meinung nach ist es die Pflicht der Eltern das Kind mit seinen Grundbedürfnissen mindestens in seinem ersten Jahr komplett vor alles andere zu stellen. Das bedeutet in diesem Fall Einschlafbegleitung, also dass jemand so lange beim Kind bleibt bis es sicher schläft und beim ersten Mucks wieder auf der Matte steht.

Ich bin aber auch der Meinung, dass die Bedürfnisse der Eltern ebenfalls zählen, weshalb kein Elternteil mit den Aufgaben um das Kind herum alleine gelassen werden sollte. Am besten wäre eine “Arbeitsteilung” zwischen den Eltern, Einspannen der Großeltern oder Freunden, wenn möglich. Auch sollte man sich Hilfe suchen, wenn man sie braucht (alleinerziehendes Elternteil). Es ist kein Zeichen von Schwäche wenn man es nicht alleine schafft. Es ist ganz natürlich dass es Zeiten gibt, in denen man alleine überfordert ist. Leider wird das in der heutigen Zeit oft totgeschwiegen und man sieht nur die heile, bunte Instagramwelt. Sich Hilfe zu holen bedeutet nicht, dass man als Mutter versagt hat, oder eine schlechte Mutter ist. Es zeigt vielmehr, dass man eine gute, verantwortungsvolle Mutter ist, die das Wohl ihres Kindes über gesellschaftliche Normen stellt.

In Japan gibt es zum Beispiel Einrichtungen von der Stadt, bei denen das Kind einfach mal ein paar Stunden abgegeben werden kann, oder ein Service, bei dem jemand für wenig Geld nach Hause kommt und wahlweise beim Putzen hilft oder sich mit dem Kind beschäftigt. Das Abgeben ist sicher nicht optimal, denn die Bezugsperson fehlt hier, aber Bedürfnisse wie Nähe zu einem Menschen, Nahrung, Sauberkeit, werden immerhin gestillt.

Auch gibt es Experten auf vielen Gebieten, die direkt oder online beraten. Eine Stillberaterin in Tokyo habe ich euch bereits vorgestellt. Ich selbst bin Trageberaterin. Aber es gibt auch genug Experten in anderen Feldern, z.B. Babyschlaf wie Bindungsvoll Tragen und Bewegen (in Deutschland).

Wer trotzdem die Schnauze voll von der Einschlafbegleitung hat (so wie ich nach inzwischen 3 1/2 Jahren), der kann sich ja diese Bücher mal ansehen:

Englisch
Deutsch



 

 

 

 

 

Beide Bücher sind mit dem Amazon Partnerprogramm verbunden. Falls ihr klickt und kauft, bekomme ich einen kleinen Anteil, ihr zahlt aber nicht mehr.

 
Vielleicht funktionieren die Methoden ja für den einen oder anderen.
Ich persönlich bin zu faul und maule lieber jeden Abend aufs Neue 😉

Mein Weg

Chibi Mamo-chan war tagsüber nahe dem Schreibaby. Es brauchte bei mir einige Zeit zu akzeptieren, dass ich ihn nicht zum Schlafen einfach hinlegen kann, dass ich nicht in diesen Schlafphasen den Haushalt machen kann.
Ich habe nicht gekocht und mittags, wenn Mamoru bei der Arbeit war, nur das Toastbrot gegessen, das noch auf dem Tisch stand.
Duschen ging nur abends während Mamoru den schreienden Chibi Mamo-chan auf dem Arm hatte. Bei uns half nur Spazieren in der Tragehilfe oder beinahe-Dauerstillen auf dem Stillkissen.
Der Schlaf nachts klappte nachdem ich herausgefunden habe, dass ich den Lütten die ganze Zeit so halten musste, dass er auf der Seite schlafen konnte (er lag neben mir auf dem Futon).
Später half es sehr, dass ich ihn nachts im Liegen stillen konnte.
Jedes Kind ist individuell und man sollte versuchen den für es passenden Weg zu finden.

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