Interview mit einer Stillberaterin

Heute habe ich mal etwas kleines besonderes für euch!
Hier in Tokyo tummeln sich so einige interessante Personen!
Zum Beispiel Jocelyn Saito, die sich zur Stillberaterin ausbilden ließ und jetzt in Tokyo als solche arbeitet.

Neugierig wie ich bin, habe ich eine Gelegenheit genutzt und ihr ein paar Fragen gestellt, die vielleicht (angehende) Mütter interessieren könnten.

Das Interview habe ich auf Englisch geführt und für euch übersetzt. Den Originaltext findet ihr auf meiner Trageberater-Seite.

Interview

Hallo Jocelyn, vielen Dank für diese Chance dich zu interviewen.

Du hast einen zwei Jahre alten Sohn und hast grade deine Zwillinge zur Welt gebracht. Wann und warum hast du entschieden Stillberaterin zu werden?

Ich habe mich dazu entschieden Stillberaterin zu werden als mein Sohn etwa 18 Monate alt war.
Für mich war stillen so ein fundamentaler Bestandteil des Elternseins und wurde viel wichtiger für mich als ich jemals dachte!
Es machte mir Spaß an den Treffen der La Leche League teilzunehmen und mit anderen stillenden Müttern zu sprechen.
Nachdem ich mich selbst eine Weile gestillt habe, fühlte ich, dass ich noch mehr lernen wollte um andere Eltern zum stillen zu ermutigen.
Das war der Zeitpunkt als ich begann mich zur Stillberaterin auszubilden zu lassen.

Deine Gründe hören sich sehr ähnlich zu denen an, aus denen ich Trageberater geworden bin.

Ich kann mir vorstellen, dass viele Leute Probleme damit haben, dass sie nicht genug Milch, Schmerzen, oder ein Baby haben, das nicht vernünftig saugt. Sind dies die üblichen Probleme weshalb man dich um Hilfe bittet?

Ja! Die Milchmenge und die richtige Saugposition des Babys sind wahrscheinlich die häufigsten Probleme, mit denen Leute zu mir kommen. Es sind aber zum Glück auch die Probleme, die sich am leichtesten mit der richtigen Unterstützung und Ausdauer lösen lassen.

Was rätst du Eltern, die sich dazu entschließen sowohl die Brust als auch die Flasche zu geben? (Aus Gründen wie der Vater möchte ebenfalls füttern, die Mutter geht schnell wieder arbeiten oder möchte zum Sport, etc.)

Viele Eltern entscheiden sich für dieses Modell!
Der Schlüssel zu einer andauernden erfolgreichen Stillbeziehung an der Brust ist, dass man mit der Flasche etwa 2-3 Wochen wartet bis das Stillen gut funktioniert und das Baby sich an die Brust gewöhnt hat.
Man sollte auch darauf achten, dass der Nippel der Flasche nicht zu viel Milch auf einmal durchlässt und die Brust imitiert. Manche Babys entwickeln eine Vorliebe für Flaschen weil es einfacher ist aus ihnen zu saugen als aus der Brust. Ein Flaschennippel, der nur wenig Milch durchlässt, verhindert das.
Wenn man plant schnell wieder zu arbeiten oder die Flasche regelmäßig zu geben, ist es auch sinnvoll in eine gute elektrische Pumpe zu investieren. Für gelegentliches pumpen reicht auch eine manuelle oder Handpumpe.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass einige Hebammen versucht haben mich zur Flasche zu überreden obwohl ich genug Milch hatte. Mir kommt es so vor als passiere dies häufiger in Japan?

Gemischtes Füttern mit Muttermilch und Pulver ist in Japan sehr üblich und Krankenhäuser stellen daher sehr früh das Pulver vor.
Der Grund dafür ist, dass die Mutter sich nach der Geburt ausruhen soll und der Glaube, dass Pulvermilch die Babys „genki“ (lebhaft, gesund) mache. *Anmerkung von mir: die gute Beziehung der Japaner zu Pulvermilch lässt sich noch auf den Krieg zurückführen. Viele Mütter hatten zu der Zeit Probleme mit dem Stillen und seither wird von Generation zu Generation die Dankbarkeit für die Existenz von Pulvermilch weitergegeben. Selbstverständlich machte die Pulvermilch die Kinder „genki“ wenn die Mutter nicht genug oder nicht genug hochwertige eigene Milch hatte.
Normalerweise unterstützen die Hebammen im Krankenhaus einen aber wenn man ausschließlich die Brust geben möchte. Man muss dies nur kommunizieren.
Und man sollte immer daran denken, dass in den meisten Fällen das Kolostrum, die erste Milch, in den ersten Tagen nach der Geburt ausreichend ist.

Hast du Zahlen wieviele Menschen tatsächlich wegen körperlichen Problemen mit dem Stillen aufhören beziehungsweise mit Flaschennahrung zufüttern müssen?

Es ist schwer an solche Zahlen zu kommen und sie variieren auch von Ort zu Ort. Tatsächlich gibt es nur einige wenige Gesundheitsbedingungen unter denen es physisch nicht möglich ist zu stillen oder das Baby die Muttermilch nicht verdauen kann. Im Falle, dass die Milch nie eingeschossen ist, liegt es meistens daran, dass die Mutter zu wenig Möglichkeiten hatte das Baby nach der Entbindung an die Brust zu legen. Optimal ist es, wenn man so schnell wie möglich das Baby anlegt und innerhalb von 24 Stunden 8-12 Mal saugen lässt. Wenn man von seinem Baby getrennt ist, kann man das Stillen durch pumpen ersetzen.

Erlebst du manchmal auch das Gegenteil? Dass jemand dich ruft weil er zu viel Milch hat?

Ja! Ein Überangebot ist auch ein Problem, das bei einigen Eltern auftritt. Es kann auch frustrierend sein, besonders wenn Freunde es nicht als Problem verstehen. Dabei kann ein Überangebot schnell zu Blockaden und Mastitis führen und sollte behoben werden.

Was magst du an deiner momentanen Arbeit am liebsten?

Ich denke, am liebsten sehe ich es wenn schwangere Frauen, mit denen ich arbeite, ihr Kind zur Welt bringen und genau wissen was sie tun müssen!
Es ist unglaublich wie schon wenige Informationen und Unterstützung so gut auf die unterschiedlichsten Situationen (wie „nein“ zu Flaschennahrung sagen, darauf bestehen dass das Kind mit im Zimmer bleibt, etc.) vorbereiten können.
Viele Erstlingsmütter wissen einfach nicht wonach sie fragen oder was sie in den ersten Wochen tun müssen. Ihnen bei den Vorbereitungen für diese Zeit zu helfen ist einer meiner liebsten Aspekte meiner Arbeit.

Was möchtest du Eltern sagen, die keinen sichtbaren Fortschritt beim Stillen machen?

Sage dir immer: was du tust ist genug! Jeder einzelne Tropfen Muttermilch ist es für die Gesundheit deines Babys wert. Sei stolz auf jeden von ihnen.
Und falls du dich entmutigt fühlst, bitte suche Hilfe! Es gibt eine ganze Community mit Stillspezialisten, mich eingeschlossen, die gerne einen Rat geben oder auch einfach nur zuhören.
Außerdem könntest du nach einer lokalen La Leche League Gruppe suchen. Es macht einen großen Unterschied wenn man eine Community mit stillenden Eltern in der Nähe hat.
Und zum Schluss, gib niemals auf nur weil du einen schlechten Tag hattest! Dein Körper wurde dafür gemacht! Du schaffst das!

Vielen Dank für dieses Interview und ich wünsche dir ein entspanntes und erholsames Wochenbett mit deinen Zwillingen!

Jocelyn ist eine ausgebildete Stillberaterin in Tokyo. Falls du irgendwelche Fragen bezüglich stillen hast, zögere nicht dich bei ihr zu melden 🙂
https://mamakatokyo.com

Ihr findet sie und weitere englischsprachige Unterstützer in meiner Hilfs-Netzwerk-Liste!

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